Süsse und salzige gebackene Erinnerungen aus meinen beiden Heimaten.

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Heimat ist Erinnerung. Schon der Geruch von etwas kann einen an "Zuhause" erinnern. Man wird sofort von einem wohligen Gefühl durchströmt, welches man mit einer Heimat, wie auch immer diese aussehen mag, in Verbindung bringt.

Ich bin eine Mischung. Meine Mutter ist Spanierin, mein Vater Österreicher. Sie leben in Spanien, wo ich auch geboren bin. Heute lebe ich in Wien.

Die ersten Erinnerungen, die ich an meine Kindheit habe, sind von starken Gegensätzen geprägt. Sie sind aufgeteilt zwischen dem Haus meiner Großeltern mütterlicherseits auf den Kanarische Inseln, Spanien, und dem Haus meiner Großmutter in Wien, Österreich.

 
 
Das Haus meiner spanischen Großeltern (oben) war einst hier.

Das Haus meiner spanischen Großeltern (oben) war einst hier.

Das Haus meiner spanischen Großeltern in Las Palmas de Gran Canaria lag am Ende eines Strandes (in La Puntilla, Playa de Las Canteras) auf einem schmalen Lavafeld am Meer.

Dort spürte man die Kraft des Ozeans, der immer wieder gegen die Felsen krachte und durch die Erosion eine Landschaft aus bizarren Formen geschaffen hatte.

Es war der Ort, an dem ich in meiner Kindheit spielte, beobachtet von meinem Großvater mütterlicherseits oder meinem Vater, denn es war der Ort wo beide in ihrer Freizeit fischen gingen. Meine Aufgabe war, kleine Brotstücke mit den Köpfen von Garnelen, übriggeblieben aus einem Fischgericht mit Meereswasser zu einer kugelförmigen Paste zu mischen. Diese Paste diente dann als Köder für die Fische, die wir angeln wollten. Mein spanischer Großvater Leonardo, erzählte unterdessen immer wieder seine Geschichten von den Dreharbeiten zum Film Moby Dick (von John Ford und mit Gregory Peck als Hauptdarsteller), die direkt vor der Küste stattgefunden hatte. Er hatte zusammen mit meinem Onkel Genaro an den Dreharbeiten des Films mitgewirkt, unter anderem, weil er, mein Großvater, während seiner Arbeit im Hafen über einige Englischkenntnisse verfügte. So konnte er dem Filmteam helfen, sich mit den Einheimischen zu verständigen, die an den Dreharbeiten teilnahmen.

Dieses schwarze Lavafeld vor dem Meer, das nach Fisch und Salz schmeckte und nach Seetang roch, war für mich ein gefährlicher und zugleich phantastischer Ort. Gefährlich, weil die Brandung und die vielen spitzen Steine es zu einen unsicheren Ort -für ein Kind- machten. Und phantastisch, weil - während mein Vater und mein Großvater fischten - ich dadurch praktisch gezwungen war, mich mit dem was ich vor mir sah, alleine stundenlang zu beschäftigen. Und in diesen von der Lava bizarr geformten Formen, stellte ich mir Landschaften in Miniaturformat vor: Berge und Täler, Seen und Lagunen. Ferne Welten die ich bereisen wollte, die nur in meinen Kopf existierten und so zum Spielplatz und Bühne für zahllosen Abenteuer für mich wurden.

 

Mein Onkel Genaro (mit Schnurrbart, unten) bei den Dreharbeiten von Mobby Dick mit Gregory Peck (Mitte).

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Bilder meiner Österreichischen Großeltern (und Urgroßeltern)

 

Meine Urgroßeltern (ca. 1875)

 

Das andere Haus, das meinen Großeltern väterlicherseits in Wien (und in diesem Fall würde eher die Bezeichnung “Wohnung” zutreffen), befand sich in einem dieses für Wien typischen alten und klassischen Gebäuden. Mein Großvater war vor langer Zeit verstorben, gesehen hatte ich ihn nie, mein Vater konnte ihn auch nicht gut kennnelernen. Mein Großvater starb als mein Vater sieben Jahre alt war. Er war mindestens 30 Jahre älter als meine Großmutter. Grund für den Altersunterschied war wahrscheinlich der Krieg - es gab zu der Zeit mehr Frauen als Männer. Die Wohnung war wie ein Museum dessen, was mein Großvater war. Darin befanden sich kleine Gemälde, Fotos, Briefe und Dokumente.

Die Wohnung war wie ein Museum dessen, was mein Großvater war. Darin befanden sich kleine Gemälde, Fotos, Briefe und Dokumente.

Meine Großmutter hatte alles mit Sorgfalt gesammelt und geordnet, unter anderem das erste Foto meines Großvaters als Baby, und auch das meiner Urgroßeltern (aufgenommen in einem Atelier in der Mariahilferstrasse, aus dem Jahr 1878!). Aber es gab auch Fotos, Liebesbriefe an seine erste Frau und endlose Partituren für Operetten. Mein Großvater, Beamter, der sich rühmte Freund von Arnold Schönberg zu sein, schrieb - unter einem Pseudonym- Partituren für kleine Aufführungen und spielte in den Kaffeehäusern selber Klavier in seiner Freizeit. Die Dokumente die in der Wohnung meiner Oma waren glichen einer Reise durch die Geschichte Wiens vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit einen gewissen bohemen touch. 

Obwohl ich meine ganze Kindheit mit meinen Eltern auf den Inseln verbrachte, nahm mich mein Vater oft mit nach Österreich, um Zeit mit meiner Großmutter in Wien zu verbringen. Dort hatte ich die Gelegenheit, eine Kultur kennenzulernen, die, auch wenn anders, einiges mit der spanischen Kultur gemeinsam hatte und so erklärte es mir auch meine Oma.

Die berühmte Spanische Reitschule in Wien war das sichtbarste und bekannteste Beispiel. Oder die Habsburger, die sowohl in Österreich als auch in Spanien regierten. Oder der von spanischen Mönchen gegründete Kirchenkonvent im 9. Bezirk. Die Mönchen trugen schwarze Kutten und deswegen gab es einmal eine Schwarzspanierkirche und dann später eine Schwarzspanierstrasse. Es gab sogar ein Dessert, das mir bekannt war und  in bestimmten Konditoreien zu sehen war: "Spanischer Wind" hieß es, der laut meiner österreichische Großmutter ein alter Name für das war, was wir heute als französischer, schweizerischer oder italienischer Meringue oder Baiser kennen. In Spanien heißen sie Suspiros (Seufzer), und mit meiner spanischen Großmutter hatten wir sie oft vor den Türen eines Klostern gekauft, denn, sowie ich später erfahren habe, wurden diese Art von Desserts traditionell von Nonnen oder Mönchen zubereitet. Wer weiß, ob die in Wien lebenden spanischen Mönche der Grund sein könnte, warum in Österreich die Meringues auch als "Spanischer Wind" bekannt waren. 

Wer weiß, ob die in Wien lebenden spanischen Mönche der Grund sein könnte, warum in Österreich die Meringues auch als "Spanischer Wind" bekannt waren. 

Mein Großvater (ca. 1875)

Mein Großvater und seine Geschwister

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Meine Großmutter, mein Vater, mein Großvater (1952)

 
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Am liebsten fuhr ich mit meiner Großmutter in das Sommerhaus, es gehörte meinen Tanten - Tante Mitzi und Tante Wally. Das Haus war in der Nähe der Hohen Wand, nicht allzu weit von Wien. Vor dem Haus befanden sich ein Wiese und ein Gemüsegarten, der zeitweise als Speisekammer diente. Hinter dem Haus gab es noch etwas, was mich faszinierte: einen Wald. Dort ging ich mit meiner Großmutter und meinen Tanten spazieren, um Pilze (Parasole) zu sammeln. Ich durfte sie nicht berühren, da manche davon, die sehr ähnlich aussahen, giftig waren. Also sammelte ich, um die Zeit zu vertreiben, die von den Bäumen gefallenen Tannenzapfen. Ich nahm sie nach Spanien mit, weil sie mich an die Spaziergänge und den damit verbundenen Geruch des Waldes erinnerten.

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Süsse und salzige gebackene Erinnerungen aus meine beiden Heimaten: